Leseprobe: Vom Glück des dreiblättrigen Klees

Sachbücher haben oft die Eigenschaft trocken und fad herüberzukommen. Und obwohl »Die wundersame Spirale des Glücks« zur Orientierung nach Schicksalsschlägen geschrieben wurde, ist sie neben ihrem Informationsgehalt auch unterhaltsam. Da ich gerne in Sinnbildern schreibe, habe ich euch als Leseprobe eine der eingestreuten metaphorischen Geschichten herausgesucht.

 

Darf ich vorstellen? Vincent van Klee und das Glück des dreiblättrigen Klees.

Vincent van Klee lebte nahe einer Furche am Rande eines Kartoffelackers. Er hatte bereits die Mitte seines Lebens erreicht und haderte tagein tagaus mit seinem Dasein, denn er war nur ein einfaches dreifiedriges Laubblatt. Schuld daran war seiner Meinung nach ein Vorfahr, der sich einst in einem Anfall geistiger Umnachtung vor eine Sense legte. Schwerverletzt überlebte er, eines seiner vier Blätter jedoch war nicht mehr zu retten. Dank dieses tiefen Einschnitts vollzog sein Ahne eine Kehrwende um 180 Grad und suchte sich eine hübsche Gefährtin aus der Nachbarfamilie des Wiesenklees. Mit ihr lebte er noch viele Jahre und vermehrte sich eifrig. Ein guter und ausgefüllter Wuchs kam ihnen nach. All ihre Ableger erblickten die Welt mit drei Blättern.

Vincent war darüber sehr betrübt, ja sogar ärgerlich. Hochgewachsen wie er war, schaute er über den Rand der Ackerfurche auf eine benachbarte Wiese. Dort wuchsen die stärksten Vertreter der vierblättrigen Klees. Die Kleedamen waren die anmutigsten, die er je gesehen hatte. Das Gras, auf dem sie wuchsen, war stets akkurat gepflegt. Sonntags kamen Familien mit Picknick-Körben und ließen sich auf dem grünen Teppich nieder. Kinderlachen war zu hören. Manchmal flog sogar ein Sektkorken an seinem Blütenkopf vorbei und landete weit hinten im Kartoffelacker. So muss das Paradies auf Erden sein, dachte Vincent und verfluchte seinen Vorfahren abermals. Seine Sehnsucht, mit all den vierblättrigen Klees auf der Wiese zu leben, wurde immer größer.

Er wusste, dass ein solches Leben kurz sein würde. Dennoch, wenn man recht stark wäre, könnte man den Unkrautvernichtungsmitteln trotzen. Wenn man sich rechtzeitig ducken würde, könnte man vielleicht sogar den wöchentlichen Pflegeintervallen des Rasenmäher-Roboters entkommen. Am liebsten wäre es ihm jedoch, er würde von Kinderhänden entdeckt und gepflückt werden – selbst wenn sie ihn tollpatschig zwischen ihren ungeschickten Fingern zerquetschten – so würde er wenigstens als Glücksklee sterben. Dann hätte das Leben ja vielleicht einen Sinn. Vincent fühlte sich sehr einsam.

Vincents Nachbarn sorgten sich um ihn, sahen sie doch, das seine Sehnsucht ihm mehr und mehr auch körperlich zu schaffen machte. Sie besprachen sich und suchten Lösungen, wie sie ihn in die Ackergemeinschaft integrieren konnten. Sie wählten die beständige Ackerwinde als ihre Sprecherin und sandten sie zu ihm.

Fürsorglich wandte sich Lady Bell an ihn und ermutigte Vincent zu einem Gespräch. Er erzählte ihr von seinen Träumen, in denen er ein erfülltes Leben als vierblättriger Glücksklee leben würde. Sie hörte ihm geduldig zu und wuchs mit jeder seiner Träne, die er in den Ackerboden vergoss. Sie hielt ihn mehr und mehr umschlungen. Als er geendet hatte, legte er erschöpft seinen lilafarbenen Blütenkopf an die Schulter der Winde und sog ihren zarten Duft ein. Die Ackerwinde wiegte ihn sanft in ihren Ranken. Als er aufhörte zu schluchzen, erzählte sie ihm von den seinen anderen Vorfahren. Von denen, die seit jeher als Symbol für die Dreiheit stehen und davon, dass sie als heilige Symbol- und Zauberpflanzen verehrt wurden. Sie kannte auch die Geschichte seiner dreiblättrigen Ahnen, die zum Symbol des heiligen Patrick von Irland wurden und wo sie noch heute als Shamrock das Zeichen des irisch-keltischen Nationalbewusstseins sind.

Sie erinnerte ihn an seine eigentliche Aufgabe, sich den Schmetterlingen, Hummeln und Bienen hinzugeben und daran, dass er, der dreiblättrige Klee, schon immer das Sinnbild für die Liebe war.

Vincent fühlte ein tief verschüttetes Gefühl der Verbundenheit aufkeimen. Er schmiegte sich an die Ackerwinde, nahm einen tiefen Atemzug und öffnete die Augen. Seine Ackergefährten hatten sich versammelt. Erneut stiegen Tränen in ihm auf. Diesmal waren es Tränen der Freude und der Demut. Warum hatte er all dies vorher nicht gesehen, warum war er nur so verbohrt und fokussiert gewesen auf ein Leben, dass er nicht leben konnte? Er sah sich neugierig um. Sah eine Schönheit nach der anderen aufgehen, wie er sie zuvor noch nie gesehen hatte.

Sein alter Widersacher, Herr Giersch, breitete sich einladend aus, Röschen Adonis nickte zustimmend mit dem roten Köpfchen und Aaron Stab blickte ihn mit einem Mal überhaupt nicht mehr giftig an. Die Ackerglockenblume ließ einen schellenden Gruß erklingen. Schöllkraut, Brennnessel und Hirtentäschel wiegten sich im Wind und tanzten für ihn – für ihn ganz alleine. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, richtete sich Vincent zur vollen Größe auf und rief seinen Gefährten zu: »Dass wir uns diesen Acker teilen und ihr für mich da seid, ist das größte Geschenk, das ich jemals bekommen habe – und dass, wo ich euch doch nun wirklich kein leichter Freund war. Ich bin so gerne eurer Mitte, ich: Vincent van Klee, der dreiblättrige Glücksklee«.

Der Wind fegte mit einem kräftigen Stoß durch die Pflanzenfreunde und alle applaudierten so laut, dass selbst Pebbles, die Taubnessel erwachte und in den allgemeinen Freudentaumel einfiel.