Meinen Segen hast Du

Vor kurzem war ich Zeuge einer Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter. Es fiel der Satz: »Meinen Segen hast du!«. Aus dem Gespräch war zu entnehmen, dass es sich um die mütterliche Zustimmung zu einer töchterlichen Entscheidung handelte. Geklungen hat es eher wie eine Erlaubnis. Der eigentlichen Bedeutung nachgekommen ist der Satz nicht, zumindest in diesem Fall. Grund genug für mich, den Satz auseinander zu pflücken und mich dem Segen zu widmen.

 

Segen = Kirche = Heilig. »Ich segne Dich« … huuhhhhhh … klingt aber jetzt sehr ‚fromm‘, gesegnet wird schließlich nur in Gotteshäusern. So zumindest die Annahme und die Assoziationen, die der Mensch zum Segen im Allgemeinen hat.

»Ich segne dich« kommt uns bei weitem nicht so leicht über die Lippen, wie »Ich liebe dich«. Naja, »Ich liebe dich« ist ja auch ‚etabliert‘. (Vielleicht ein Grund, warum diese drei Worte oft einfach nur dahin gesagt werden, ohne dass sie wirklich gemeint sind – aber das ist ein anderes Thema.)

»Ich segne dich«: Davor haben wir Respekt, eben weil wir den Segen in die Kirchen gepackt haben. Die Kirchen selbst jedoch sagen, dass Menschen einander überall segnen können.

Segnen kann und vor allem darf jeder. Wenn ich mein Herz offen halte, Liebe und Freundschaft spüre, bin ich in der Lage zu segnen. Ich habe den Segen ‚entmystifiziert‘ und mir vom Himmel zurück auf die Erde geholt. Und dies nicht nur zu besonderen Anlässen, wie in Übergangsritualen, bei Geburten oder Eheschließungen.

Segnen kann ich immer und überall. Eine einfache Geisteshaltung ist erforderlich. Es sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, die uns in die Lage versetzen, freundlich zu sein.

Aus Freundlichkeit entsteht Freundschaft. Wo Freundlichkeit wohnt, ist kein Platz für grobe Worte, schroffes Benehmen, böse Gedanken, kein Platz für Feindschaft, Hass und Gewalt. Freunde sehen Stärken und trampeln nicht auf Schwächen herum. Partnerschaften sind gesegnet, wenn sie auf Freundschaft und nicht einzig und alleine auf Leidenschaft gebaut sind.  

Wie schön, wenn das nächste Mal die Mutter ihrer Tochter sagt: »Ich gebe Dir meinen Segen, ich segne dich, mein Kind, das Leben soll gut zu dir sein, mögen deine Vorhaben gelingen.

Wie wäre es, wenn wir den Reisesegen neu beleben? Die guten Wünsche, die wir mit auf den Weg geben.  »Ich segne dich, lieber Freund, du sollst beschützt sein auf deiner Reise und sicher ankommen.«

Es sind sehr besondere Momente, wenn wir segnen, wenn wir Segen erfahren. Sie geschehen in voller Aufmerksamkeit für den anderen, jenseits von Selbstsucht und Narzissmus. Übrigens, üben kann man das Segnen auch im Stillen. Ich segne in Gedanken das am anderen, was mir selbst heilig ist.

In diesem Sinne: Wann hast du zuletzt gesegnet? Ich wünsche uns eine segensreiche Zeit.