Wolkenzüge - Manuskriptauszug

»Hast du schon beobachtet, wie die Wolken unter Wasser wandern?«

 

Die beiden saßen an einer verlassenen Tauchbasis auf den Resten eines baufälligen Holzstegs. Die Füße baumelten wie in Kindertagen. Die Sonne erwischte seinen Nacken, der sich zwischen Kragen und Haarkante zeigte.

»Dort sieht es aus, als fährt ein Zug irgendwo hin, nirgendwo hin.« Sie schaute seinem Finger nach, blickte dann in den Himmel, um das Spiegelbild zu finden. Der nächste Windstoß kräuselte die Wasseroberfläche und der Zug setzte sich in Bewegung.

»Genauso ist es doch mit unseren Gedanken. Sie ziehen eigentlich immer nur einfach so vorbei. Manchmal will ich sie aufhalten, mich daran hängen – schau, wie weit der Zug schon gekommen ist … « Sie war doch fasziniert, wie er Dinge zusammenbrachte.

»Aber warum soll ich denn einen Gedanken nicht festhalten, wenn er doch gerade ganz schön ist?«

»Weil es sowieso nicht funktioniert. Guck, weg ist der Zug.« Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben und verdunkelte das gesamte Bild. »So ist es doch auch mit dem ganzen Leben. Wenn du an irgendetwas festhält, zieht das Leben trotzdem weiter oder vielleicht sogar gerade deshalb. Vielleicht bin ich ein Zugvogel und fahre mit der Eisenbahn ‚Lebenslustig‘ in den Horizont hinein. Ich wollte immer schon mal wissen, wie es da drinnen aussieht.«

Der Abschied war nah. Sie weinte nicht. Keine Träne da, kein Schmerz, nur unendliche Leere.

Sie standen auf, umarmten sich. Er drehte sich um und ging. Sie schaute aufs Wasser, suchte den Zug, in den er gestiegen war, hob die Hand zum letzten Gruß. Sie flüsterte: »Adieu, mon Dieu«